«Für Freikirchler können Freikirchler nicht pädophil sein»

Freitag, 25. März 2011 at 21:18 Uhr

Quelle: tagesanzeiger.ch

Sektenexperte Georg Otto Schmid hofft, dass der Kinderschänderfall in der Freikirchenszene ein heilsamer Schock ist.

Herr Schmid, die christliche Krippe Purzelbaum hat offenbar nicht allzu genau hingeschaut, als sie einen Kleinkindererzieher angestellt hat, der der evangelikalen Freikirche ICF angehört. Muss man davon ausgehen, dass man sich bereits gekannt hat?
Das ist gut möglich. Die Freikirchen empfinden sich als zusammengehörig. Die Biografie von Freikirchlern beinhaltet in der Regel mehrere Stationen, die theologischen Unterschiede sind nicht mehr relevant. Die Szene ist sehr gut vernetzt, man hält zusammen und grenzt sich gegen aussen ab.
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Für sie sind schon liberalere Reformierte Ungläubige, die in der Hölle schmoren werden. Das Problem ist der Umkehrschluss: Viele Evangelikale können sich nicht vorstellen, dass Leute ihres Glaubens massivst sündigen können. Für Freikirchler können Freikirchler nicht pädophil sein. Ein ICFler ist für ein Mitglied der Christlichen Gemeinde Volketswil automatisch rechtgläubig und ein guter Mensch.

Auch ein ICFler ist ein ganz normaler Mensch, der durch seinen zwar Glauben meint er sei anderen Menschen in moralischer Hinsicht überlegen, was aber ein Trugschluss ist.

Moral gab es schon vor dem Christentum und wird es auch noch geben wenn das Christentum nicht mehr existiert. Moral ist zudem kein starres Konstrukt welches sich niemals ändert, sondern spiegelt den Konsens einer Gesellschaft im Zusammenlebens wider.

Dinge, wie das Zusammenleben unter einem Dach zweier unverheirateten Menschen, war im Jahr 1950 höchst unmoralisch. Nur die Ehe gebietet es einem eine solche Wohngemeinschaft zu führen. Das selbe gilt auch beim Recht auf Verhütung, was 40 Jahren nach der Antibabypille immer noch für kontroverse Diskussionen in religiösen Kreisen sorgt. Die Gesellschaft hat sich einem Bedürfnis angepasst und die nötigen Rahmenbedingung erarbeitet oder sogar erkämpft.

Es lässt sich bei allen Menschen und Kulturen so etwas wie eine „Grundmoral“ erkennen. Darunter fallen Dinge wie das töten von anderen Menschen oder die natürliche Hemmschwelle von Pädophilie. Diese Moralwerte sind durch die Evolution entstanden und sind Teil der menschlichen Strategie ums Überleben. Diese Grundeinstellung ist überall auf der Welt vertreten, unabhängig vom Geschlecht, der Rasse und der Religion.