Risiko Kernkraft – Sieben deutsche Meiler sind verzichtbar

Dienstag, 15. März 2011 at 2:15 Uhr

Quellen: spiegel.de, tagesanzeiger.ch, rechsteiner-basel.ch (PDF), 100-gute-gruende.de

Die Fukushima-Katastrophe bedeutet eine Kehrtwende in der deutschen Atompolitik. Selbst die Energiekonzerne stellen sich auf einen Stopp der Laufzeitverlängerung ein. Technisch ist sogar noch mehr möglich: Sieben Meiler könnten sofort abgeschaltet werden – ohne dass eine Stromlücke entsteht.

Ohne Worte

Wenn man die 2008 gemessene Rekordspitzenlast von 82 Gigawatt als Ausgangswert für den maximalen deutschen Strombedarf nimmt und noch einmal 15 Prozent – also zwölf Gigawatt – als Puffer für Revisionen und Ausfälle draufschlägt, hätte man noch immer einen enormen Überschuss an Kapazitäten.

Würde man die sieben ältesten Atommeiler, deren Laufzeiten Schwarz-Gelb gerade um acht Jahre verlängert hatte, abschalten, wäre der Ausfall zu verschmerzen.
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Auch auf den Strompreis hätte das Fehlen der Altmeiler wohl nur geringe Auswirkungen. Es wäre noch immer weit mehr Energie abrufbar, als gebraucht wird. Allerdings würden die Kohlekraftwerke mehr Strom produzieren, was zu einer Verteuerung der CO2-Zertifikate führen könnte. Andererseits besteht durch die Ökostromschwemme oft ein Energieüberangebot, was auf den Strompreis wiederum drückt.
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Atomkraftbefürworter argumentieren, dass man die Kraftwerke nicht abschalten sollte, da der Energiebedarf der Bundesrepublik stetig steigt – unter anderem durch den Ausbau des Industrieparks und die Umstellung des Verkehrs auf Elektromobilität.

Doch dieses Argument lässt sich widerlegen. Denn es geht in puncto Netzstabilität weniger darum, ob der Gesamtstromverbrauch – gemessen in Terawattstunden – steigt. Wichtig ist, dass die verfügbaren Kapazitäten hoch genug sind, um auf den Punkt genau eine bestimmte Höchstmenge an Energie – die Spitzenlast gemessen in Gigawatt – bereitzustellen. Dieser entscheidende Wert aber ist seit Jahren kaum gestiegen: Seit 2002 pendelt die Jahreshöchstlast kontinuierlich bei rund 80 Gigawatt.
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Durch den Ausbau der Elektromobilität könnte dieser Wert mittelfristig zwar steigen – es dürfte aber noch einige Jahre dauern, bis der E-Auto-Markt eine energiepolitisch relevante Größe erreicht haben wird. Bis es soweit ist, dürften zudem auch Technologien zum flexiblen Lastmanagement (Smart Grids) deutlich weiterentwickelt worden sein. Erneuerbare Energien werden dann stärker und flexibler in Spitzenlastzeiten abrufbar sein.

Smart Grids sind nur ein Teil der Lösung. Weitere Massnahmen sind bessere Isolierungen an Gebäuden, effizientere Produkte, eine massive Erhöhung der Subventionen in erneuerbare Energien. Wer jetzt beim Wort „Subventionen“ reflexartig zusammen zuckt und über den höheren Kilowattstunden-Preis bei den regenerativen Energien zu schimpfen anfängt, sollte bedenken, dass wir seit Jahrzehnten den Atomstrom subventionieren ohne das uns dies eigentlich bewusst ist. Die Kilowattstunde Atomstrom kostet etwa 5 Rappen, dies ist möglich aus folgenden Gründen:

  • Die Endlagerung ist bis heute ungelöst. Die Kosten dafür sind heute noch gar nicht abzuschätzen, da das Risiko des sicheren Wegschliessens der Brennelemente über Jahrtausende nicht berechnet werden kann. Die Kosten und das Risiko für diese Massnahme werden zukünftige Generationen tragen müssen.
  • Kein AKW-Betreiber ist heute gegen das Risiko eines Super-GAU’s voll versichert. Aus 100-gute-gruende.de: ‚Fielen die derzeitigen enormen Vergünstigungen für Atomkraft weg – etwa durch eine realistische Deckungssumme bei der Haftpflichtversicherung für Atomkraftwerke, eine Besteuerung der Rücklagen, eine Brennstoffsteuer –, wäre Atomstrom unbezahlbar: Die Basler Prognos AG errechnete schon 1992 einen realistischen Preis von rund 2 Euro pro Kilowattstunde.‘
  • Es wird gerne gegen argumentiert, dass auch das Bersten eines Staudammes bei einem Erdbeben oder bei einem Anschlag tausende Tote und Milliarden Schäden zu Folge haben kann und das man hier auch nicht auf die Idee kommt die Staudämme abschaffen zu wollen. Das dieser Vergleich mit einem AKW-Unfall hinkt sollte jedem klar sein, wenn man bedenkt, dass bei einem Staudammbruch die überfluteten Gebiete nicht für Jahrzehnte radioaktiv verseucht und Unbewohnbar sein werden.