„Privatsphäre ist sowas von Eighties“

Quelle: spiegel.de

Wir müssen uns von der Idee privater Daten im Internet verabschieden, sagt Julia Schramm. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt die Mitgründerin der „datenschutzkritischen Spackeria„, warum der Datenschutz nicht mehr funktioniert und was es mit Post-Privacy auf sich hat.

SPIEGEL ONLINE: Der Datenschutz muss verbessert werden, darüber waren sich bisher Internetaktivisten und Politiker grundsätzlich einig. Alles Quatsch, sagt eine neue Gruppe, die Sie mitbegründet haben – private Daten lassen sich ohnehin nicht mehr schützen. Was will die „datenschutzkritische Spackeria“?

Schramm: Keine Macht den Datenschützern. Wir finden, dass die aktuelle Diskussion um den Schutz von Daten an der Realität vorbeigeht. Wir leben in einer vernetzten Welt, wo Privatsphäre durch das Internet nicht mehr möglich ist. Nun müssen wir sehen, wie wir damit umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Der Grundsatz „Meine Daten gehören mir“ gilt nicht mehr?

Schramm: Das ist zwar ein schöner Anspruch, aber meine Daten können mir nicht mehr gehören. Wir haben längst die Kontrolle darüber verloren. Ob wir es nun gut finden oder nicht: Privatsphäre ist sowas von Eighties. (lacht)

Das nachfolgende Szenario und alle darin vorkommenden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – Start des Szenario – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Die Ausgangslage:
– Jede Person/Firma/Institution kann Daten jeglicher Art, welche im öffentlichen Raum zustande gekommen sind, in einem beliebigen Ausmass verwenden.
– Es gibt keine Datenschützer

Das Szenario:
Frau Schramm läuft eines sonnigen Tages im Frühling die ‚Wissensdurststrasse 42‘ entlang und bleibt mit ihrem neuen Kleid von der Firma ‚Frech & Keck‘ an einer Aussparung einer städtischen Sitzbank hängen. Das Kleid wird ihr beim weitergehen von den Hüften gerissen und entblösst ihr Unterkörper, sichtbar wird dabei ihr Slip der Marke ‚Touch Me‘ von der Firma ‚Intim‘ und eine 12 cm lange Narbe am linken Oberschenkel.

In diesem Moment fährt das Google-Auto die Strasse entlang und fängt die Szenerie mit ihren Kameras ein.
In diesem Moment fotografieren Passanten die Szenerie mit ihren Handys.
In diesem Moment nehmen die Überwachungskamera der Stadt die Szenerie auf.

Einige Zeit später:
Google verzeichnet eine Häufigkeit beim Aufruf der ‚Wissensdurststrasse 42‘ über ihren Dienst maps.google.com.
Freunde erkennen die Frau als Julia Schramm und machen diese Daten über Facebook und Twitter publik.
Die Angestellten der Überwachungsfirma stellen das Video bei Youtube ein.
Blogger in aller Welt schreiben über den Vorfall an der ‚Wissensdurststrasse 42‘
Die Firma ‚Intim‘ schaltet eine Ambient Media Kampagne, wo Personen den Slip ‚Touch Me‘ an einer originalgetreuen Nachbildung von Julia Schramm anfassen können.
Julia Schramm bekommt Werbung von Instituten welche Schönheitsoperationen anbieten. Diese machen Werbung mit ihrer Narbe an ihrem Oberschenkel.
Julia Schramm bekommt Angebote aus der Pornoindustrie.
Eine Internet-Werbefirma findet heraus, dass Julia zwei Wochen vor dem Vorfall, als sie den Slip ‚Touch Me‘ über das Internet bestellte, von der selben IP aus, 4 Minuten nach der Bestellung eine Informationswebseite zum Thema Brustkrebs anwählte und dort 25 Minuten verweilte. Ihre Private Krankenkasse weiss dies jetzt auch.
Eine religiöse, fundamentalistische Gruppe im Inland stört sich an den ‚obszönen‘ Bilder und fängt an Julia Schramm-Puppen zu verbrennen.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – Ende des Szenario – – – – – – – – – – – – – – – – – –

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich sammeln Unternehmen vielfach persönliche Daten und forschen uns aus. Das sollen wir uns gefallen lassen?

Schramm: Wir lehnen es jedenfalls ab, das mit Gewalt zu verhindern. Natürlich ist die Dominanz von einigen wenigen großen Internetfirmen wie Google oder Facebook bedenklich. Deswegen plädieren wir dafür, dass Menschen bewusst mit ihren Daten und dem Internet umgehen: Dort gibt es einfach keine Privatsphäre mehr. Aber das heißt noch lange nicht, dass Datenschutzgesetzte aus der analogen Zeit das Internet einschränken müssen.

Das Problem ist nicht mal so sehr das Google weiss welche Seite ich angeschaut habe oder Facebook alle meine Freunde kennt oder Amazon meine Lieblingsbücher. Das Problem ist die Vernetzung der Daten untereinander, also das Erstellen von Profilen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn das für eine Gewalt, von der sie sprechen?

Schramm: Ein Beispiel: Der Datenschützer in Niedersachsen hat dem Betreiber einer Website verboten, Google-Werbung auf seinen Seiten zu schalten. Die Begründung war, dass die IP-Adressen der Nutzer ungefragt an einen weiteren Server übertragen werden. Dabei ist das im Internet die Regel, sehr viele Seiten nutzen solche Dienste – und die Nutzer wissen das auch. Die Entscheidung dagegen ist eine Form von Staatsgewalt.

Einverstanden, so ein Verbot macht tatsächlich keinen Sinn. Viele Nutzer kennen aber die Mechanismen des Internets nur ungenügend, eine Informationspflicht seitens der Betreiber, bzw. ein Nachfragen des Nutzers nach der Erlaubnis für die Weitergabe von Daten sollte Standard sein. Als Beispiel: Auf den Strassen Innenorts (Schweiz) ist die Höchstgeschwindigkeit 50Km/h. Diese Tatsache ist bei allen Motorfahrzeuglenker in der Schweiz bekannt, angeschrieben wird die Höchstgeschwindigkeit trotzdem vor jedem Dorf, warum wohl?

SPIEGEL ONLINE: Der Staat soll sich aus der Regulierung des Internets weitgehend raushalten?

Schramm: Ja! Nehmen wir zum Beispiel die Idee mit dem Radiergummi. Politiker diskutieren derzeit, wie man einen Mechanismus des Vergessens ins Internet einbauen kann. Das sind gewalttätige Versuche, die Struktur des Internets zu beeinflussen.

Diese Versuche das Internet mittels Radiergummi zum Vergessen zu bewegen sind genau so bescheuert wie Stoppschilder vor bestimmten Webseiten aufzustellen. Personen – meist Politiker – welche so einen Unsinn fordern haben die Funktionsweise des Internets nicht verstanden. Diese Forderungen sind teils so absurd, sie können daher auch nicht umgesetzt werden und dienen nur den warholischen 15 Minuten Ruhm.

SPIEGEL ONLINE: Ohne staatliche Regeln sind die Internetnutzer den Datenkraken ausgeliefert. Ist das nicht ein Widerspruch zum bewussten Umgang mit den persönlichen Daten?

Schramm: Im Internet ist es eben vorbei mit der Privatsphäre, darüber sollte man sich klar sein. Schon der Begriff Datenschutz gaukelt eine falsche Sicherheit vor, die es praktisch nicht mehr gibt. Die einzige Alternative ist, anonym zu surfen.

Sorry Julia, anonymes Surfen gaukelt eine falsche Sicherheit vor.

SPIEGEL ONLINE: Ohne Privatsphäre gibt es kaum noch Geheimnisse. Ist das nicht eine schreckliche Vorstellung?

Schramm: Privatsphäre ist auch der Ort, wo Ehemänner ihre Frauen schlagen. Aber wir wollen auch keinen anarchistischen Zustand, in dem es überhaupt keine Privatsphäre mehr gibt. Es muss schon noch Einschränkungen geben.

Der Vergleich hinkt, denn das Schlagen einer anderen Person ist eine Straftat, egal ob innerhalb der Privatsphäre oder im öffentlichen Raum.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Schramm: Grundsätzlich muss der Verbraucherschutz umgesetzt werden – Schutz vor Betrug ist aber wahrlich nicht nur im Internet relevant. Da müssen Standards eingehalten werden. Beim Datenschutz von Kindern, die ins Netz „hochgeladen“ werden, bin ich noch unschlüssig – da fehlt eine Debatte. Und natürlich gilt: Post-Privacy ist kein normativer Anspruch, sondern, neben der Zustandsbeschreibung, ein persönlicher Anspruch, dem man niemandem aufzwingen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie also soll der neue Datenschutz aussehen?

Schramm: Genau darüber wollen wir jetzt diskutieren, eine Antwort haben wir noch nicht. Nur so viel ist klar: Wir müssen den Begriff neu definieren. Was sind überhaupt schützenswerte Daten – und wie kann man sie schützen? Mit einem digitalen Radiergummi doch ganz sicher nicht.

Kurz gesagt: Julia Schramm wünscht sich Verbraucher- und Datenschutz im Internet, aber irgendwie anders und anders benannt. Ich finde das Ganze ein wenig wirr, sorry…

2 thoughts on “„Privatsphäre ist sowas von Eighties“

  1. Das Üble an dieser Inszenierung im Spiegel ist doch, dass Frauen in der Sexualität ihre Intimsphäre bis vor den Altar verteidigen, aber ihre Sexualität generell nicht mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Zusammenhang bringen können! 😉

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