Wie sicher wären neue AKW?

Quelle: tagesanzeiger.ch

«Es gibt keine Energie zum Nulltarif», sagt Horst-Michael Prasser, ETH-Professor für Kernenergiesysteme. Jeder Schritt von der Gewinnung des Urans über den Betrieb eines Kernkraftwerkes bis zur Endlagerung berge gewisse Risiken. Aber auch erneuerbare Energien seien mit schädlichen Umwelteinflüssen verbunden – nur werde das von den Gegnern der Kernenergie kaum je erwähnt. So sei etwa die Gewinnung von Kupfer für Windgeneratoren und Solarzellen ebenfalls mit Bergbau verbunden. «Vergleicht man die Gesundheits- und Umweltbelastung der verschiedenen Energieproduktionsarten, schneidet die Kernenergie sehr gut ab.» Nur die wenigsten wüssten, dass bei der Herstellung von Solarzellen giftiger Sondermüll entstehe, der bereits heute unter Tag entsorgt werden müsse.

Natürlich gibt es keine Energie zum Nulltarif, dies wurde auch gar nicht gefordert. Der Versuch die Kernenergie mittels verschiedenen „Energieproduktionsarten“ schön zu reden ist „green washing“, denn in der Gesamtbilanz – und die ist eigentlich relevant – schneidet die Atomkraft miserabel ab. Zudem finde ich es problematisch von giftigem Sondermüll in der Solarproduktion zu sprechen und dabei die Wiederaufbereitung und Entsorgung von nuklearen Brennelementen mit keinem Satz zu erwähnen.

Es müssen Wege und Möglichkeiten gefunden werden alternative Energieträger effizienter und umweltfreundlicher zu machen, ganz klar. Hingegen auf eine Technologie zu setzen die einen endlichen Rohstoff für den Betrieb benötigt – von den anderen Risiken mal ganz abgesehen – darf wirklich nicht mehr unser vorrangiges Ziel in der heutigen Zeit sein.

8 thoughts on “Wie sicher wären neue AKW?

  1. Was der Herr nicht erwähnt ist, dass Atomspaltmaterial wesentlich grössere Risiken provoziert als alle sog. belastenden alternativen Energieträger! Wir wissen gar noch nicht das ganze Ausmass! 🙂

  2. Es stimmt nicht, dass die Kernenergie in der Gesamtbilanz miserabel abschneidet. Das Gegenteil ist der Fall. Sie hat gemeinsam mit Wind- und Wasserkraft die geringsten Umweltauswirkungen, danach kommen in einigem Abstand die übrigen Regenerativen und dann – allerdings nun mit erheblichem Abstand – die Fossilen. Das kommt bei Lebenszyklusanalysen heraus, die weltweit von einer durchaus repräsentativen Community von Forschern erarbeitet werden, also nicht von der „Nuklearlobby“ stammen. Unter den drei genannten Spitzenreitern ist sie dann die kostengünstigste Option.

    Deshalb trete ich dagegen an, wenn versucht wird den Leuten einzureden, die Welt würde sich verbessern, wenn man Kernenergie durch Photovoltaik oder Windkraft ersetzt. Niemand kann und will behaupten, dass Kernkraftwerke das gesamte Energieversorgungsproblem lösen könnten. Es ist unbestritten, dass Photovoltaik und Windkraftanlagen eine wesentlich bessere Ökobilanz aufweisen, als die fossilen Energieträger und deshalb – gemeinsam mit der Kernenergie und dem rationellen Energieeinsatz – gebraucht werden, um die fossilen Brennstoffe zurückzudrängen.

  3. Hallo Herr Prasser

    Der CO2 Ausstoss für ein kWh erzeugten Atomstrom beträgt zwischen 16-23 Gramm (Wikipedia). Dies ist in der Tat wirklich wenig, leider ist die Endlagerung und die Beseitigung des Abraums in dieser Kalkulation noch nicht enthalten, die laut Greenpeace sich auf 90-140 Gramm CO2 summieren würde. Vor allem die Endlagerung von Uran 238 und Uran 238 welche mit Halbwertzeiten von 703 Millionen, bzw. 4.46 Milliarden Jahren angegeben werden, ist ein Faktor, den wir nicht mal annähernd beziffern können.

    Dies zeigte uns auch das Beispiel vom Atomendlager Asse II, welches jetzt nach 40 Jahren „Endlager“ mit grossem Aufwand saniert oder versiegelt werden muss. Wie können wir da seriöse Prognosen für 703 Millionen Jahren machen?

    Zudem wird die CO2 Belastung für Atomstrom in den nächsten Jahren noch zunehmen, den die Förderung von Uranerz wird schwieriger, die guten Lagerstätten sind teils schon erschöpft und um an die Menge von einem Kilogramm Uran heran zu kommen, muss einen grösseren Aufwand betrieben werden, ergo mehr CO2.

    Die Nachfrage nach Uran wird in den nächsten Jahren zudem massiv steigen, sollten alle Nationen ihren Energiebedarf atomar decken wollen. Die Lagerstätten werden noch schneller versiegen und eine Exploration nach neuen Vorkommen wird diesen Bedarf – genau wie bei Erdöl, Erdgas und Kohle – nicht decken können. Schätzungen gehen von einem Uran Vorrat aus der zwischen 2030 – 2060 erschöpft sein wird.

    Ich stimme mit Ihnen überein, dass die Nuklearenergie gegenüber fossilen Energieträgern der bessere Partner ist um den CO2 Ausstoss zu senken. Statt auf zwei neue AKW’s zu setzen könnten wir das Geld besser anlegen um die Sanierung von Gebäuden und die Effizienz von elektronischen Geräten zu forcieren.
    Der Anteil an erneuerbaren Energien ist ist der Schweiz immer noch viel zu niedrig und obwohl wir keine Alternative zu ihr haben, wollen wir zwei neue AKW’s bauen.

    Ich unterstütze Ihr Schlusswort mit der Feststellung, dass eine rationellen Energieeinsatz vonnöten sei um das Problem zu lösen. Meine Meinung dazu ist: Das Energieproblem nicht durch den Bau von neuen AKW’s lösen zu wollen, sondern durch den Ausbau von regenerativer Energie, sowie mit Effizient und Cleverness.

  4. Sehr geehrter Herr Schurter

    Auch in den WIKI-Zahlen ist der gesamte Lebenszyklus der Kernenergie enthalten. Alle Zahlen, die Sie nannten sind richtig, sie gelten für spezifische Bilanzkreise. Der Hauptanteil des CO2 kommt bei der Kernenergie aus der Produktion der Energie, die für die Isotopentrennung, also für die Anreicherung verbraucht wird. Wenn hier der Strom vorwiegend aus Kohlekraftwerken kommt und mit sogenannten Gasdiffusionszellen angereichert wird, dann kommt man auf die Werte von Greenpeace. Es gibt zwei Wege, diesen Ausstoss zu senken. Wenn man Atomstrom einsetzt, wie in Frankreich, dann kommt man unter 10 g/kWh auch wenn das heute veraltete Diffusionszellenverfahren genutzt wird. Geht man zur Ultrazentrifuge über, so verbraucht diese 50 mal weniger Strom pro Anreicherungseinheit und auch damit wäre das CO2 auf weit unter 10 g/kWh zu bringen. Beides zusammen ist natürlich am günstigsten. International geht die Tendenz zur Ultrazentrifuge. In der Branche nimmt man an, dass in 10-20 Jahren nur noch Ultrazentrifugen genutzt werden, oder noch bessere Verfahren, wie die Laseranreicherung. Das alles sagt Greenpeace eben nicht dazu, weil es nicht ins Konzept passt.

    Die Mine trägt heute mit deutlich weniger als 1 g/kWh bei. Selbst wenn sich hier die Bedingungen deutlich verschlechtern sollte, braucht es noch Jahrhunderte, bis wir bei 10 g/kWh angekommen sein sollten. Aber Uran ist ein Spurenelement und dementsprechend weit verbreitet. Die sogenannten „Reasonable Assured Resources“ und die „Inferred Resources“ an Natururan betragen heute 5 Mio Tonnen, dazu kommen 10 Mio Tonnen „Spekulative Ressourcen“, auf die durch geologische Analogien geschlossen wird. Wenn heute davon gesprochen wird, dass das Öl noch so und so lange reicht, dann handelt es sich auch zum Teil um spekulative Ressourcen, denn ein Vorkommen kann erst in die ersten beiden Kategorien aufsteigen, wenn es durch entsprechend dichte Borprogramme erkundet wurde. 15 Mio t reichen statisch bei einem heutigen Bedarf von 66500 t/a for etwa 240 Jahre. Wenn heute die Kernenergie ausgebaut wird, dann mit einer Technik, die 60 – 70 MWh/kg Natururan erzeugen kann. Die Flotte der laufenden Reaktoren generiert 40 MWh/kg. Mit dem Ersatz älterer Anlagen kann man also die Produktion um 50 – 75 % steigern, ohne die Reichweite der Uranvorkommen zu verkürzen, übrigens auch, ohne dabei zum Schluss mehr Reaktoren zu haben. Die Entwicklung wird hier weitergehen. Letztendlich gibt es ja auch noch das Konzept des Brutreaktors, der immerhin mit mehreren Anlagen von einigen hundert MW grosstechnisch demonstriert wurde. Wenn sich diese Technik durchsetzen könnte, dann kommt man auf die 50-fache Energieausbeute und kann für die nächsten paar tausend Jahre auf Uranminen verzichten. Ich finde es immer tendenziös, wenn bei den regenerativen der Stand, der in dreissig Jahren zu erwarten ist, vorgerechnent wird und die Kernenergie (wie Greenpeace beim CO2) anhand von Zahlen von vor 50 Jahren kritisiert wird.

    Ressourcen von Natururan werden heute kategorisiert nach den Gewinnungskosten, wobei Uran für mehr als 130 USD/kg noch niemand interessiert. Wenn Sie aber davon ausgehen, dass man aus einem kg heute 40 MWh nachen kann, dann beträgt der Kostenanteil dieses Natururans an der kWh heute etwa 0.3 US-Cent. Bei der letzten Erkundungswelle aufgrund des kurzfristigen Preispeaks beim Uran zwischen 2006 und 2008 sind etwa 15 % an Ressourcen dazugekommen, das meiste jedoch in der Preiskategorie bis 80 USD/kg, eben weil in der höheren Klasse noch gar nicht richtig gesucht wird. Und selbst bei 130 USD/kg ist das Ende der Fahnenstange noch lange nicht ereicht. Je schlechter jedoch die Erzqualität, umso mehr wird man finden. Selbst wenn die Technologie beim Leichtwasserreaktor stehen bleiben sollte, dann gibt es Uran für viele Jahrhunderte. Dabei haben wir noch nicht über unkonventionelle Vorkommen gesprochen, wie Uran in den Phosphaten, in der Kohle oder sogar im Meerwasser. Selbst die Gewinnung aus dem Meerwasser ist bereits experimentell erfolgreich erprobt worden, allerdings ist es fraglich, ob das wirklich einmal jemand grosstechnisch machen wird, oder machen werden muss. Die Verfügbarkeit von Uran scheidet also als Grund gegen die Kernkraft meiner Meinung nach aus.

    Asse II ist ein Skandal, da gebe ich Ihnen Recht. Allerdings ist es heute nicht mehr zulässig (ich weiss nicht, ob das bei Asse II noch zulässig war, oder ob dort schon massiv gegen Regeln verstossen wurde), ein altes Bergwerk zum Endlager umzufunktionieren, weil es um Grössenordnungen zu viele Hohlräume aufweisst, als man für die Endlagerung braucht. Der Zutritt von Wasser zu Abfallgebinden wird ja gerade dadurch unterbunden, dass man den Abfall dicht ins Wirtgestein einbettet und keine weiteren Hohlräume zulässt. Die Radiotoxizität von hochaktivem Abfall ist nach einer Zeit von 200’000 bis 1 Mio Jahren auf das Niveau des urspünglich zur Brennstoffgewinnung eingesetzten Natururans abgeklungen. Die Stabilität von Wirtgesteinsformationen, die heute für eine Endlagerung in Frage kommen, ist für den Zeitraum seit ihrer Bildung von vor 100 bis 200 Mio Jahren nachweisbar. Dies ist ein wichtiges Element bei der Prognose für den zukünfig benötigten Zeitraum, der weniger als 1 % der vergangenen Zeit ausmacht. Übrigens wird das gleiche Konzept auch für chemisch-toxischen Abfall angewand, wie eben solchen, der auch bei der Herstellung von Solarzellen anfällt, der ja auch in geologische Tiefenlager gebracht wird. Ein Beispiel hierfür ist Herfa-Neurode, wo in einem Salzbergwerk (wieso hier der andere Standard?) jährlich 300’000 qm hochtoxische Abfälle eingelagert werden (die Schweiz wird nach 60 Jahren Reaktobetrieb rund 10’000 qm hochaktiven Abfall endlagern müssen), natürlich nicht aus der Photozellenproduktion, deren Umfang ist heute viel zu klein, um hier nennenswert beizutragen, aber aus der Chemieindustrie allgemein. Auch hier müssen wir uns auf die Stabilität geeigneter geologischer Formationen abstützen, wobei ich zur Nachdenklichkeit aufrufe, denn die Halbwertszeit chemisch-toxischen Abfalls ist unendlich.

    Der Anteil der regenerativen Energien in der Schweiz ist immer noch viel zu niedrig, einverstanden. Aber auch der Anteil an Kernenergie wird bald zu niedrig sein, um eine umwelt-, wirtschafts- und sozialverträgliche Energieversorgung aufrechterhalten zu können. Wie gross ist das Risiko, dass die „Cleverness“ ausreicht, um durch den alleinigen Ausbau regenerativer Energiequellen und die effiziente Energieanwendung die Energieversorgung sicherzustellen, wenn 40 % der Stromproduktion nach und nach wegfallen, wenn keine neuen KKW gebaut werden sollten? Ich behaupte, die Wahrscheinlichkeit, dass es schief geht, ist angesichts des wachsenden Stromverbrauchs nahe bei 100 %.

    Viele Grüsse

    Michael Prasser

  5. Sehr geehrter Herr Schurter

    Ich hatte übersehen, dass Sie mit den Halbwertszeiten von U-235 und U-238 hantiert hatten, weil Sie darin ein Problem für die Endlagerung sehen. Durch die weite Verbreitung des Urans in der Geosphäre ist es jedoch in grossen Mengen in vielen Gesteinen auch in der Schweiz enthalten. Nehmen Sie nur das Grimselmassiv, wo pro Tonne etwa 10-20 g Uran im Granit enthalten sind, die an der Oberfläche und in Störungszonen praktisch ungeschützt der Auslaugung durch Wasserströme ausgesetzt sind. Die Natur hat dieses Uran viel schlechter „verpackt“ und „eingelagert“, als das mit dem radioaktiven Abfall vorgesehen ist. Die Endlager werden an der ohnehin vorhandenen Exposition durch Uran und dessen natürliche Zerfallsprodukte, wie Radon usw. , zu keinem Zeitpunkt einen signifikanten Anteil haben. Wichtig sind Spaltprodukte und Brutprodukte. Es gibt drei Gruppen von radioaktiven Stoffen, für die Barrieren geschaffen werden müssen: Dies sind Spaltprodukte mit Halbwertszeiten bis zu 30 Jahren. Sie zerfallen während der Zeit in der die Abfallkanister intakt bleiben, praktisch vollständig. Zweitens die Brutprodukte (Aktiniden). Sie werden vom Wirtgestein durch Adsorption zurückgehalten (deshalb ist Opalinuston als Wirtsgestein günstig, auch der Bentonit als „Backfill“) und können deshalb nicht in die Ökosphäre gelangen. Drittens gibt es einige langlebige Spaltprodukte, die doch entweichen können, aber deren Halbwertszeit ist so gross, dass sie keine signifikante Strahlenexposition hervorrufen können. Je grösser die Halbwertszeit, umso kleiner die Aktivität bei gleicher Menge radioaktiven Materials, denn Strahlung wird nur im Moment des Zerfalls eines Atomkerns frei.

    Michael Prasser

  6. Guten Tag Herr Prasser

    Der Vergleich zwischen chemischen und radioaktiven Abfällen ist IMHO problematisch, da die Qualität einer Kontaminierung unterschiedliche Auswirkungen haben kann. Zudem ist eine konzentrierte Ansammlung von Abfall welcher über Millionen von Jahren radioaktiv strahlt nicht ganz trivial. Dies zeigt auch die Problematik ein Endlager für Nukleare Abfälle zu finden. Natürlich – und da haben Sie vollkommen recht – ist die Menge der chemischen Abfällen, z.B. aus der Halbleiterindustrie besorgniserregend und sollten ebenfalls reduziert werden.

    Die Ultrazentrifuge hat erst durch die CO2 Thematik vermehrt Aufsehen erlangt um dem Atomstrom einen „grüneren“ Anstrich zu geben. Dies ist per Definition zuerst auch mal nichts schlechtes, sowie vermehrt Atomstrom für die Gewinnung wie Wiederverwertung von Brennstäbe zu brauchen. Dieser Prozess der Umrüstung ist, gemäss Ihrer Aussage, erst in 10-20 Jahren abgeschlossen und erst dann dürften die neuen CO2 Zahlen hier gültig sein.

    Die Gewinnung von Uran aus Meerwasser, Kohle oder anderen unkonventionellen Ressourcen ist wieder mit einem erhöhten Aufwand verbunden, da die Konzentration geringer ist. Zudem wird der Verbrauch von Uran durch das Hinzukommen anderer Nationen zunehmen und die Verfügbarkeit – welche je nach Quellen noch 40 – 200 Jahren bestehen können – wird weiter abnehmen.

    Als der Ölpreis letztes Jahr einen Preis von 90 USD erreichte, war die Diskussion um regenerative Energie aus Sonne, Wind Geothermie und Wasser voll im Gange. Die Industrie stöhnte unter dem hohen Preis der für ein Barrel Rohöl zu zahlen war und langsam wurde jedem klar das dies nur der Anfang war. Da Uran endlich ist wird auch hierfür der Preis steigen, je mehr Länder auf den Atomstrom-Zug aufspringen, desto schneller wird dieser in die Höhe schnellen. Angebot und Nachfrage, da es eben nur ein begrenztes Angebot gibt.

    Wie oben schon angesprochen hat vor allem die Halbleiterindustrie das Problem, der vielen, oft toxischen Abfällen.
    Photovoltaik Anlagen welche aus Silizium hergestellt werden sind davon auch betroffen. Trotzt der Amortisation der eingesetzten Energie nach zwei Jahren und der langen Laufzeit der Panels von bis zu 40 Jahren, stellt dies nach wie vor ein Problem dar. Hier hat sich im Bereich Nanotechnologie und Effizienzgewinn einiges getan und die Entwicklung in diesem Bereich steht erst am Anfang. Die Atomindustrie hat 60 Jahre Zeit gehabt um an diesen Punkt der Entwicklung anzukommen, dafür wurde sehr viel Geld investiert und auch verdient. Die Chance, praktisch unbegrenzte, günstige und umweltfreundliche Energie zur Verfügung zu haben, sollte uns einen ähnlichen Etat Wert sein.

    Die Fragen die sich für uns jetzt stellen sind:
    – Brauchen wir wirklich neue KKW um unseren Bedarf abzudecken? (ETH Studie, 2000 Watt Gesellschaft)
    – Kann ein geplanter Ausstieg aus der Atomenergie durch regenerative Energiequellen abgedeckt werden? Und bis wann?
    – Welches Einsparungspotential ist ohne Komforteinbusse zu erwarten? (20/80 Prinzip)
    – Welche Möglichkeiten der zentralen bzw. dezentralen Stromerzeugung gibt es?

    Nochmals, dies ist kein Bashing gegen Atomenergie.
    Wir sollten uns aber bei der heutigen Problematik der endlichen Energieversorgung in der wir uns befinden, den Fokus vielleicht stärker auf die regenerative Komponente, statt auf zwei neue KKW’s legen und das Geld anders investieren.

    Grüsse,
    Daniel

  7. Sehr geehrter Herr Schurter

    Ich möchte wieder versuchen, Punkt für Punkt Stellung zu nehmen zu Ihren Ausführungen, auch wenn es wieder länglich wird.

    Chemisch-toxische und radioaktive Stoffe haben natürlich unterschiedliche biologische Wirkmechanismen. Für die möglichen Freisetzungen aus Abfallgebinden ist jedoch die Voraussetzung einer Schädigung identisch. In beiden Fällen muss das toxische Material inkorporiert werden, genau das muss ein Endlager verhindern. Die Direktstrahlung spielt bei dem radioaktiven Abfall, der sich im Endlager befindet, keine Rolle. Die Auswirkungen sind ebenfalls ähnlich: Entweder kommt es (etwas vereinfacht) zu somatischen Schäden mit akuter Erkrankung oder zu stochastischen Schäden mit Spätfolgen. Was den Krebs als Spätschaden betrifft, so ist hier die ionisierende Strahlung kein Sonderfall. Es gibt viele krebserregende chemisch-toxische Substanzen, die auch schon heute in geologische Tiefenlager geschafft werden, um sie von der Ökosphäre auszuschliessen. Sie schreiben, dass eine konzentrierte Ansammlung von Abfall welcher über Millionen von Jahren radioaktiv strahlt, problematisch ist. Aber die spezifische Radiotoxizität ist nach 10’000 Jahren, also zu dem Zeitpunkt, wo Endlagerbehälter unter konservativen Annahmen undicht werden könnten, nur noch 10 – 100 mal höher, als die Radiotoxizität der urpsünglich eingesetzten Menge Natururans mit seinen Tochterprodukten, was nahezu überall vorkommt. Zu diesem Zeitpunkt ist chemisch-toxischer Abfall immer noch genau so toxisch, wie heute. Ich denke, die Aversion gegen die Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle bei gleichzeitig praktischer Ignoranz gegenüber den bestehenden Tiefendeponien für chemisch-toxische Abfälle zeigt mehr als deutlich, dass hier einfach mit unterschiedlichen Massstäben gemessen wird. Ich behaupte, dies geschieht nicht immer nur unbewusst, um ein Argument gegen die Kernenergie aufzubauen.

    Die Ultrazentrifuge hat nicht erst durch die CO2 Thematik vermehrt Aufsehen erlangt um dem Atomstrom einen “grüneren” Anstrich zu geben. Da möchte ich widersprechen. Die Weiterentwicklung der Anreicherungstechnik entspringt genau der ingenieurtechnischen Bestrebung „clever“ zu sein, um den Aufwand von teueren Prozessen zu reduzieren, den Sie ins Feld führen, wenn es um effizientere Nutzung erneuerbarer Energien geht. Ich möchte auf die konkreten CO2-Werte zurückkommen: Die Greenpeace-Werte sind im weltweiten Schnitt viel zu hoch, weil sie die schlechteste Kombination aus Energiequelle und Anreicherungstechnologie als Basis hat, natürlich mit einem gewissen politischen Hintergedanken. Weltweit mögen die WIKI-Zahlen nah bei der Wahrheit liegen. Für die Schweiz mit ihrem spezifischen Einzugsbereich von Kernbrennstoff gelten heute Werte deutlich unter 10 g/kWh.

    Was beispielsweise Uran aus Kohle betrifft, so ist dieser Prozess stellenweise bereits wirtschaftlich und hat ausserdem den Effekt, dass die Flugasche und die Schlacke aus den Kesseln von Radiotoxizität befreit wird. So hat die Kanadische Fa. SPARTON die Rechte an der Asche dreier Chinesischer Kohlekraftwerke gekauft, bei denen die Kohle einen Urangehalt von ca. 20 g/t aufweist. Dies ist eine gar nicht so selten zu findende Anomalie (Mittelwert 3 g/). Durch die Verbrennung wird der Kohlenstoffanteil entzogen und das Uran bereits aufkonzentriert auf ca. 200 g/t. Mit Erz das ca. 300 g/t enthält, wird heute in der Mine Rössing in Namibia wirtschaftlich unproblematisch Uran gewonnen. Prozesstechnischer Vorteil der Kohleasche: Sie muss nicht noch bergbaulich gewonnen werden, sondern liegt bereits auf Halde.

    Trotzem bin ich der Ansicht, dass konventionelles Uran nicht nur 40 – 200 Jahre, sondern weit länger verfügbar sein wird, ohne dass dabei die Kernenergie ihre führende Position (zusammen mit Wind und Wasserkraft – wie schon gesagt) hinsichtlich der Umweltauswirkungen verlieren wird. Jede Absenkung der abbaubaren Urankonzentration um den Faktor 2 erhöht nach heutigen Erkenntnissen die potentiellen Vorkommen um den Faktor 5-6. Heute bauen die Uranminen Erz aus einem extrem breiten Konzentrationsbereich ab, der von 300 ppm (Rössing) bis über 10 % (Cigar Lake) reicht. Neue Vorkommen werden in all diesen Konzentrationsbereichen entdeckt. Wie schon ausgeführt, hat die Erkundung von Uran mit spezifischen Kosten von 130 USD/kg noch nicht einmal richtig Fahrt aufgenommen, geschweige den, die Erkundung im nächsthöheren Kostensegment, dessen Nutzung nach wie vor weder Umwelt noch Ökonomie unbotmässig belasten würde.

    Genau dann, wenn wirklich längere Zeit eine gewachsene Nachfrage einen stabil hoher Uranpreis nach sich ziehen würde, würde das passieren, was zwischen 2006 und 2008 geschah: Innerhalb von 2 Jahren wurden Ressourcen gefunden, die den Bedarf für ca. 10 Jahre decken können. Der hohe Ölpreis (Spitzenwert 140 USD/Barrel) im vorigen Jahr hat übrigens nicht nur die Diskussion um regenerative Energie aus Sonne, Wind Geothermie und Wasser in Gang gesetzt, sondern auch die Akzeptanz der Kernenergie erhöht, das meinte ich zumindest bei vielen Kommentaren in den Medien wahrgenommen zu haben.. Regenerative und Kernenergie erleben ähnliche Akzeptanzschübe, wenn es knapp wird, aber nicht nur deshalb sollten sie zusammen gegen die fossilen Brennstoffe antreten.

    Sie zitieren die ETH Studie, sicher meinen Sie das aktuelle Strategiepapier des Energy Science Centers“. Dort wird Abstand genommen von der 2000 W Gesellschaft und vielmehr die Vision von eine „1 t CO2/ Kopf-Gesellschaft“ aufgebaut. Weiterhin kommt die Strategiestudie zu dem Schluss, dass Kernenergie als Übergangslösung gebraucht wird und damit auch der Neubau von Kernkraftwerken. Die Studie antwortet also auf die Frage, ob ein Ausstieg aus der Atomenergie durch regenerative Energiequellen abgedeckt werden kann, mit „mittelfristig nein“. Langfristig wird man sehen, wie sich die Regenerativen wirklich entwickeln. Die Kernenergie hat jedenfalls mehrere langfristig funktionsfähige Optionen zu bieten, sei es über die Nutzung von Natururan in konventionellen Leichtwasserreaktoren, oder eben durch Brüten.

    In der Tat hat die Atomindustrie 60 Jahre Zeit gehabt um an dem heutigen Punkt der Entwicklung anzukommen. Allerdings hat sie auch ein Vielfaches der hier getätigten Vorleistungen der Gesellschaft retourniert, jedenfalls dort, wo sie ordentlich betrieben wird. Ich kenne die deutschen Zahlen. Dort sind kumulativ etwa 17 Mrd Euro an staatlichen Mitteln für die Nuklearforschung ausgegeben worden, vorrangig in den 70iger und 80iger Jahren. Selbst wenn der Atomausstieg in Deutschland Bestand haben sollte, dann werden die KKW bis zur Abschlatung etwa 6000 TWh geliefert haben. Der staatliche Förderanteil beläuft sich also auf ca. 0.3 Cent /kWh, das ist weniger, als jede Steuer auf den Strom. Ich hoffe, die Regenerativen werden einst ähnlich gute Werte aufweisen. Bei ihnen ist derzeit aber nicht der Forschungsanteil ein wichtiger Kostenfaktor, sondern schlicht und einfach die Subventionen – direkt oder indirekt durch die garantierten Abnahmepreise – in den Bau der Anlagen, die dominieren. Wenn Produktionserlös und Subvention gekoppelt wachsen, so wird ein „break even“, wo die Retournierung an die Gesellschaft beginnt, nicht erreicht. Man steuert dann einfach einen höheren Energiepreis an, damit das letztlich passiert. Das heisst es kann sein, dass die Kernenergie bezogen auf ihre geringe spezifische Anschubfinanzierung ungeschlagen bleibt.

    Dann sei noch zu bemerken, dass die Kerntechniker auch ihre Hausaufgaben hinsichtlich einer praktisch unbegrenzten, günstigen und umweltfreundlichen Energieversorgung gemacht haben. Die Gesellschaft hat diese Ergebnisse bisher nicht nutzen wollen, sondern Projekte, wie z.B. den Superphenix in Frankreich oder den Versuchsbrüter in Kalkar, Deutschland, politisch zu Fall gebracht. Die Kosten von Kalkar sind übrigens in den genannten 17 Mrd EUR enthalten. Für die regenerativen Quellen besteht meines Erachtens nach kein Grund zur Sorge, was die Höhe, die Stabilität und den weiteren Ausbau der Förderung angeht. Niemand kann hier ernsthaft den Entscheidungsträgern eine Reduzierung der Förderung empfehlen, im Gegenteil. Allerdings haben bisher die Kernkraftwerke, hier in der Schweiz gemeinsam mit der Wasserkraft, zur Schaffung einer Situation beigetragen, in der es einen Sockel an preiswerter und umweltfreundlicher Bandenergie gibt, auf dem sich die für einen Ausbau der Regenerativen nötige Wirtschaftsstärke herausbilden konnte. Wenn keine neuen KKWs gebaut werden sollten, und die Stimmen Recht behalten, die dann den Wirtschaftsstandort gefährdet oder wenigstens beeinträchtigt sehen, dann wird es auch mit der einheimischen Energieerzeugung aus regenerativen Quellen abwärts gehen.

    Sie sprechen noch von Komforteinbussen. Ist das ein Eingeständnis der Schwäche? 😉 Wenn es um künftige politische Weichenstellungen geht, wird oft behauptet, dass der Ausstieg aus der Kernenergie ohne solche Komforteinbussen erreicht werden kann. Sollte es sie geben müssen, dann würde dieser Umstand vor der höchstwahrscheinlich fälligen Volksabstimmung für oder gegen ein neues KKW fairerweise auf den Tisch gehören.

    Viele Grüsse

    Michael Prasser

  8. Guten Tag Herr Prasser

    Vielen Dank für die ausführliche Stellungsnahme.
    Diesbezüglich der maximalen Verfügbarkeit von Uran bin ich mit Ihnen nicht der gleichen Meinung. Der Preis pro Einheit Uran wird lange bevor es tatsächlich aufgebraucht ist, eine Höhe erreichen, die niemand mehr bezahlen kann oder will. Das selbe wird auch mit Erdöl, Kohle und Erdgas der Fall sein.

    Es ist in der Tat bedauerlich, dass es heute günstiger ist, chemisch-toxische Abfälle zu vergraben als diese chemisch oder thermisch aufzuspalten oder zu neutralisieren. Hexachlorbenzol, welches zu den giftigsten Stoffen gehört und zu recht auch verboten ist, lässt sich teils thermisch neutralisieren bzw. chemisch aufspalten (sekundär Produkte entstehen). Dies ist natürlich mit einem Aufwand verbunden und auch nicht immer wirtschaftlich.

    Die Diskussion ob chemische oder nukleare Stoffe giftiger sind führt IMHO zur keiner Lösung, denn wir müssen schauen, dass wir dieses Problem einer Endlagerung lösen können. Eine Endlagerung ist die schlechteste von allen Lösungen, denn wir verschieben und „vergessen“ das Problem nur. Wenn wir in einem Zeitraum von 10’000 Jahren rechnen, wo etwas entsorgt werden soll, so müssen wir uns ganz im Klaren sein, dass wir eigentlich nicht mal in der Lage sind, Prognosen für die nächsten 100 Jahren zu tätigen.

    Mit Interessen verfolge ich übrigens die Entwicklung des Itar’s wo an der Kernfusion mit Deuterium, Tritium und Helium experimentiert wird. Sollte sich eines Tages die Mühe dieser langen Entwicklung ausbezahlen, so könnte sie Kernfusion tatsächlich Teil der Lösung für das Energieproblem sein.

    Die Förderung von alternativer Energie ist momentan ein Witz. Gemessen am Potential wird hier viel zu wenig getan. Hier vermute ich, dass eine Dezentralisierung der Energieversorgung bei einigen Energieversorgern, ein nicht gern gesehenes Szenario ist.

    „Ohne Komforteinbusse“
    Ja, das ist tatsächlich ein Kriterium um auf alternative Energien zu wechseln. Auch würde niemand mehr Atomenergie wollen, wenn damit eine Komforteinbusse zu erwarten wäre. Die 20/80 Formel sollte auch hier Anwendung finden. Ein neues Auto zu kaufen nur weil es 0.4 Liter weniger Benzin auf 100 km verbraucht ist sicherlich der falsche Ansatz Energie sparen zu wollen.
    Es macht aber einfach keinen Sinn Geräte zu betreiben, die 15 Watt im Standby Betrieb benötigen, nur weil aus Kostengründen auf ein effizientes Netzteil verzichtet wurde. Wenn durch die Reduzierung des Standby Betriebes ein ganzes AKW eingespart werden kann, dann ist dies eine Variante die umgesetzt werden sollte. Dies braucht natürlich einen beherzten politischen Willen und die Industrie sollte zudem stärker in die Pflicht genommen werden.

    In Japan gibt es das Top-Runner-Programm, ein politisches Instrument und Anreizprogramm, das seit 1998 „Spitzenreiter“-Technologien und energiesparende Produkte zum Standard macht. Dort wird kontinuierlich an der Optimierung im Verbrauch gearbeitet und Geräte die diesen Standart nicht einhalten können, werden durch einen Malus teurer.

    Ich werde diesbezüglich den CO2 Werten die Sie beanstandet haben bei Grreenpeace eine Anfrage stellen und um Klärung bitten.

    Viele Grüsse,
    Daniel

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